Besser scheitern.
Fail better.

18. Juni bis 14. Juli 2016
in Ingelheim am Rhein

Vorwort

Die Bauarbeiten zur Sanierung und Erweiterung des Alten Rathauses, in dem seit 1983 die Ausstellungen der Internationalen Tage Ingelheim stattfinden, ließen dort keine Ausstellung zu. Aus diesem Grund kamen die Internationalen Tage 2016 ungewohnt daher. Dezentral, an verschiedenen Orten im Zentrum der Stadt verteilt, wurden Videos aus den 1970er Jahren bis heute von international renommierten Künstler*innen gezeigt.

 

Wir konnten Dr. Brigitte Kölle gewinnen, dieses Projekt, das sie bereits 2013 für die Hamburger Kunsthalle entwickelt hat, für Ingelheim zu modifizieren und erneut zu kurieren. Mit diesem für Ingelheim neuartigen Projekt mochten wir anregen, aufregen, erheitern und unterhalten.

Inhalt & Konzept

„Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern“, so formulierte es der bekannte irische Schriftsteller Samuel Beckett. Gemäß des Beckettschen Credos präsentieren die Internationalen Tage Boehringer Ingelheim Video- und Filmarbeiten von den 1970er Jahren bis heute. International bekannte Künstlerinnen und Künstler gehen hier dem komplexen Phänomen des Scheiterns nach: Spielerisch, lustvoll, tragisch, komisch, trauernd, überraschend.

Für Versagen, Fehlschläge und Niederlagen bleibt in unserer heutigen Erfolgsgesellschaft, im Zeitalter der Machbarkeit und Fortschrittsgläubigkeit, wenig Raum. Leistung, Effizienz und Erfolg sind gefragt. Kein Wunder, dass der amerikanische Soziologe Richard Sennett das Scheitern einmal als das große Tabu der Moderne bezeichnet hat. Über das Scheitern, insbesondere das persönliche Scheitern, wird ungern gesprochen, impliziert es doch das Eingeständnis einer Grenzerfahrung, bei der nichts mehr so ist, wie es vorher war. Doch bedeutet Scheitern zwangsläufig Misslingen? Es liegt gerade in der Paradoxie des Scheiterns, dass Zusammenbruch und Neubeginn, Resignation und Hoffnung zusammenfallen: So kann sich aus der scheinbaren Niederlage auch etwas ungeahnt Neues, Anderes entwickeln.

 

In der Kunst ist das Scheitern als nötiges Wagnis, als Form des Experiments, schon immer eng mit dem künstlerischen Schaffensprozess verbunden gewesen. Das Scheitern in der Kunst impliziert, dass das gesicherte und vertraute Terrain verlassen und Außergewöhnliches gewagt wurde. Der Schriftsteller Wilhelm Genazino hat einmal zu Recht Künstlerinnen und Künstler als „Vorturner des Scheiterns“ bezeichnet. Kunst wird damit verstanden als ein offener, suchender Prozess, jenseits eines notwendig abgeschlossenen Produkts oder der Schaffung eines Meisterwerks. Die Beschäftigung mit dem Unvermögen und das sich in der permanenten Wiederholung artikulierende, sisyphosartige Abarbeiten an den Absurditäten des Lebens hat für Künstlerinnen und Künstler bis heute nicht an Attraktivität verloren – im Gegenteil: Die Erfahrung des Scheiterns erweist sich als eine grundsätzliche Fragestellung der Kunstpraxis heute.

Kuratorin: Dr. Brigitte Kölle